Vom Pferd zum Reitpferd
Von Stefan Stammer
Das Ziel jedes Reiters ist es, sein Pferd ein Pferdeleben lang gesund zu halten. Dafür investieren wir alle sehr viel: Zeit, Mühen, Emotionen und letztendlich auch viel Geld. Doch was sind die tatsächlich wichtigen Elemente der Gesunderhaltung? Aus funktionaler Sicht ist die Idee der Ausbildung folgende: dem Pferd neue Bewegungsmuster zu vermitteln, so dass es sich mit dem Reiter im Sattel neu ausbalancieren kann.
Das Reitpferd braucht einen Bewegungsablauf, bei dem es ein aktiv-muskuläres Federungssystem entwickelt. Dieses System wirkt, je nach Ausprägung, zum einen leistungssteigernd, zum anderen als Stoßdämpfer, mit dem die Bewegungsenergie gegen die Schwerkraft abgefedert wird, zur Gesunderhaltung des Pferdes. Je höher die Leistung, desto höher die Federung – eigentlich genial!

Ausbildung bedeutet die Organisation eines federnden Stoßdämpfersystems im Pferd.
Balance durch aktive Funktionsketten
Die Kräfte innerhalb des Pferdes, die durch seine Bewegung entstehen, sind immens: Im Trab beispielsweise entstehen im Schultergürtel des Pferdes Hebel- und Beschleunigungskräfte von weit über 20.000 Newtonmeter, was einem Gewicht von zwei Tonnen entspricht. Nur die sinnvolle Nutzung aller zur Verfügung stehenden Strukturen des Pferdes kann diese Kräfte kontrollieren und verarbeiten. Dabei spielt die Elastizität des Bindegewebes eine ebenso große Rolle wie die koordinierte Kraftfähigkeit der muskulären Funktionsketten, die das gesamte Pferd miteinander verbinden (Abb. 1).
„Das Pferd trägt sich über die Hinterhand“ oder „Das Pferd läuft auf der Vorhand“: Formulierungen wie diese hören wir immer wieder in den Reithallen, teilweise auch im Unterricht. Auch wenn sie prinzipiell nicht falsch sind, so wird damit die Bewegung des Pferdes verkürzt und missverständlich dargestellt. Vor allem die Rolle der Vorhand bzw. des vorderen Bewegungszentrums in seiner korrekten Funktion wird dabei immer noch unterschätzt.
Über den angehobenen Brustkorb – samt Schultern und Widerrist – stabilisiert das Pferd seinen Rumpf gegen die Schwerkraft. Dazu muss die Muskulatur der Hinterhand ebenso trainiert werden wie der Schultergürtel des Pferdes. Durch das synchronisierte gegenläufige Aufspannen von Brustkorb und Becken über den Beinen kommt es in Balance (Abb. 2).

Abb. 1: Das Pferd organisiert seine Balance zusammen mit dem Reiter neu – über das sinnvolle Zusammenspiel muskulärer Funktionsketten.

Abb. 2: Unabhängig von der Kopf-Hals-Achse müssen sich Brustkorb und Becken zwischen den Gliedmaßen gegenläufig aufspannen.
Leider gibt es auch Ausweich- und Kompensationsmechanismen, die das Pferd durch nicht korrekte oder mangelhafte Ausbildung entwickeln kann, um sich zu stabilisieren und auszubalancieren: die pure Verspannung des Schenkelgängers oder das ausschließlich passive Federn in die Sehnen und Gelenke, wie wir es bei vorhandlastigen Pferden sehen. Diese Pferde bringen auch Leistungen, bis in den hohen Sport. Schenkelgänger können extreme Bewegungsabläufe zeigen, passiv stabilisierte Pferde mit abgesenktem Brustkorb können den Reiter tragen. In beiden Fällen sind die Pferde jedoch einem hohen Risiko von chronischen Überlastungen ausgesetzt.
Über den Rücken arbeiten
Das Pferd über den Rücken zu arbeiten, ist der einzige Weg zu einer aktiven Balance. Die Skala der Ausbildung gibt die Schritte vor: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung. Aus biomechanischer Sicht braucht das Pferd ein Ausbildungs- und Trainingsprogramm, über das es Kraft und Koordination entwickelt. Die halbe Parade ist dafür das wichtigste technische Element, die Ausrichtung der Vorhand auf die Hinterhand sowie die behutsame Entwicklung der gebogenen Linie mit dem Fokus auf die diagonale Hilfengebung. Das Pferd tritt an den äußeren Zügel und nimmt den inneren Schenkel an. Die korrekte Vorwärtstendenz und Dehnungsbereitschaft im Trab sollte sich so anfühlen, als ob dich dein Pferd in seiner Bewegung in der Sattellage nach vorne oben mitnimmt oder als ob du mit deinem Gesäß einen großen Ball nach vorne oben prellen wolltest. Aus diesem „Nach-oben-Federn“ der Sattellage ergibt sich die Freiheit der Oberlinie, damit die Hinterhand des Pferdes weiter unter den Schwerpunkt treten und ihre Aufgabe in der neu definierten Balance erfüllen kann.
Fakt ist: Hinter jeder Verspannung, hinter jedem Widerstand deines Pferdes steckt eine Schwäche. Die nachhaltige Lösung ist nicht das „Bearbeiten“ der Verspannung selbst, sondern die aktive Stärkung der Schwachstellen. Probleme auf der gebogenen Linie zum Beispiel sind nicht ein Problem von mangelnder Beweglichkeit oder Schiefe, sondern haben ihren Ursprung in den allermeisten Fällen in der mangelhaften Stabilität des Pferdes im Schultergürtel.
In der Ausbildung gibt es kein Schema F für jedes Pferd. Jedes Pferd braucht seine Zeit und ein individuelles Trainingsprogramm. Unsere erste Aufgabe ist es, die Natur unseres Pferdes zu erkennen. Dazu zählen seine Rasse, sein Alter und sein Ausbildungsstand, sein Leistungswille, seine physische wie psychische Belastungsfähigkeit und Elastizität. All dies muss in den Haltungs- und Trainingsplan einfließen.
In einem aber sind alle Pferde gleich: Jedes Pferd trägt eine positive Spannung in sich. Sie äußert sich durch Bewegungsfreude und Harmonie. Die Bewegungsfreude aufzunehmen, sie nicht zu stören, sondern zu erhalten, ist eine wichtige Schlüsseleigenschaft des Reitens.